Gedanken zum Volkstrauertag am 13. November 2016

Nachfolgend finden Sie die Rede, die ich anlässlich des Volkstrauertages gehalten habe. Ich möchte die Rede auf diese Weise allen Interessierten zugänglich machen.

Hier der Link [rede-volkstrauertag-13-11-2016]

oder der Text in vollem Wortlaut:

Rede zum Volkstrauertag, 13. November 2016
Es sind die ganz persönlichen Schicksale und die Dimensionen des Zweiten Weltkriegs, die uns immer noch verstören. In jeder Familie gibt es Erinnerungen an Gewalt, Verlust und Zerstörung. Diese Erinnerungen legen Zeugnis ab von einer Zusammenbruchsgesellschaft, die übergangslos zur Verdrängungsgesellschaft wurde. M.E. bis heute.

Was ermöglichte diese Gewalt und warum war es so vielen später unmöglich, sich ernsthaft damit und mit der eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen? Eine wichtigeErklärung liegt in der Kollaboration breiter Bevölkerungsschichten. Selbst im Angesicht der nicht mehr abzuwendenden Niederlage klammerten sich viele an die Illusion, ihr „Führer“ hätte noch einen genialen Plan oder die alles entscheidende Wunderwaffe.

Die Komplizenschaft zwischen der NS-Führung und den Geführten war so eng, dass sich fast jeder fragen musste, in welcher Form er nach einer Niederlage zur Rechenschaft gezogen werden würde. Die Dimensionen dieses mörderischen Krieges übersteigen bis heute unsere Vorstellungskraft. Der Zweite Weltkrieg forderte fast viermal so viele Opfer wie der Erste Weltkrieg. Nach viereinhalb Jahren Krieg waren weltweit fast 65 Millionen Tote zu beklagen, die meisten davon Zivilisten.

Von etwa 18 Millionen Angehörigen der Wehrmacht und der Waffen-SS überlebte etwa jeder Dritte das Ende des Krieges nicht. Etwa vier Millionen Soldaten waren zum Teil schwer verwundet.
Eine Million Frauen wurden zu Kriegerwitwen, 1,4 Millionen Kinder zu Kriegswaisen. Die industrielle Vernichtung von sechs Millionen Menschen, die nicht ins rasseideologische Konzept der Nazis passten oder aus anderen Gründen als „minderwertig“ eingestuft wurden, markiert bis heute den Tiefpunkt der menschlichen Zivilisation. Weltweit waren 60 Millionen Menschen entwurzelt, auf der Flucht oder deportiert. ( heute sind wieder 65 Millionen Menschen, weltweit auf der Flucht!)

Diese Zahlen übersteigen unsere Vorstellungskraft. Die Dimensionen sind, neben der individuellen Verantwortung und Schuld, eine der Haupterklärungen, warum man in Deutschland
nach dem Krieg weder fähig noch willens war, die Vergangenheit ehrlich, differenziert und vor allem kritisch aufzuarbeiten. Die Geschichtsmächtigkeit des Kriegsendes war jedem damals bewusst. Aber die Deutung konnte sehr unterschiedlich ausfallen.

Bis heute konkurrieren die Etiketten „Stunde Null“, „Befreiung vom Faschismus“ oder einfach nur „Niederlage“ miteinander. Keiner dieser Begriffe ist vollkommen falsch, aber keiner ist auch ganz richtig. Das Kriegsende konnte nämlich sehr unterschiedlich erlebt werden. Für die Alliierten und die vom NS-Terror Verfolgten war es ohne jeden Zweifel eine Befreiung. Die Wortschöpfung „Befreiung vom Faschismus“ ist hingegen nicht nur aufgrund der bewusst irreführenden Vermengung von Nationalsozialismus und Faschismus problematisch. Vor allem lässt sich fragen, wie befreit der Osten Europas und der Osten unseres Landes waren, als die Menschen von einer Diktatur zur anderen wechselten?

Und schließlich sollten wir uns klar machen: Die Alliierten wollten nicht primär Deutschland befreien, sondern Europa und die Welt von der Geißel des Nationalsozialismus. Für die meisten Deutschen, von denen ein Großteil bis zum Schluss mit dem NS-System zusammenarbeitete und auch Jahre später zu keiner selbstkritischen Auseinandersetzung bereit sein wollte, war es vor
allem eine katastrophale Niederlage. Und das galt nicht nur für die elf Millionen Angehörigen der Wehrmacht, die in Kriegsgefangenschaft gerieten, die Eliten, die vom System profitiert hatten
und die neun Millionen Mitglieder der NSDAP.

Während man im Osten mit der „Befreiung vom Faschismus“ der Nachkriegsgesellschaft eine praktikable Formel der Entschuldung und Nichtverantwortung anbot, fand man im Westen mit der Metapher der „StundeNull“ das geeignete Mittel. Dieses eingängige Sprachbild hat vordergründig viel für sich. Es hat Generationen geprägt und wirkt bis heute. Aber in der Geschichte kann man nicht auf den „Reset“-Knopf drücken und bei Null anfangen – im Gegenteil. Gerade Mentalitäten und Wertvorstellungen ändern sich nicht von heute auf morgen. Ganz konkret wird diese Kontinuität bei den Eliten in Verwaltung, Wirtschaft und Kultur, die ihre Karrieren oft ungebrochen fortsetzen konnten.

Natürlich sind wir aus heutiger Sicht befreit worden, waren Niederlage und Befreiung die unabdingbare Voraussetzung für die neue und vor allem dauerhafte Grundordnung, in der wir heute eben dürfen. Dass der Prozess der Aufarbeitung so lange dauerte, ist bedauerlich, es ist offen, ob er je abgeschlossen sein wird. Wir trauern um die Opfer von Krieg und Gewalt. Aber wir sind auch
verpflichtet mehr zu tun als andere. Die jüngsten Ereignisse in unserem Land geben größten Anlass zur Sorge, dass viel zu viele aus der Geschichte nichts gelernt haben. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind nicht nur auf dem Vormarsch – sie scheinen langsam salonfähig zu werden. Wenn wir sehen, mit welcher Erbarmungslosigkeit und mit welchem Hass Menschen anderer Herkunft, anderen Glaubens oder einer anderen Ethnie ausgegrenzt, geschmäht und physisch attackiert werden – und dies häufig in aller Öffentlichkeit –, dann muss uns das beschämen und wütend machen, dann sind wir alle zum Handeln aufgefordert.

Die Ursachen für dieses Verhalten sind vielfältig. Aber die Muster sind erschreckend ähnlich, wenn wir sie auf die Ereignisse zurückbinden, an die wir im Rahmen des Volkstrauertages erinnern, insbesondere an das Ende des Zweiten Weltkriegs. Damals wie heute sind es neben fehlender Empathie und kleinbürgerlicher Enge auch Geschichtsvergessenheit auf der einen und
Geschichtsversessenheit auf der anderen Seite, die den Nährboden für die giftigen Blindtriebe bilden.

Nutzen wir die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, damit wir uns unserer Werte versichern, damit wir Orientierung finden, damit wir solidarisch und in Verantwortung miteinander und füreinander handeln: nicht irgendwann, sondern hier, heute und jetzt.

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